Polen
Still ruht hier nicht nur der See! Keine Menschenseele ist zu sehen bei der Ankunft am Campingplatz Szelagowka in Sorkwity. Beschaulichkeit, soweit das Auge reicht. Aber: Auf vermeintlich verlassener Flur wird der Besucher unerwartet mit Hightech konfrontiert. Zum Einchecken steht ein Automat bereit. Nach ein paar Klicks und der Wahl des Stellplatzes ist der Wohnmobil-Reisende – wenn auch fast allein – Gast auf dem weitläufigen Gelände, das wohl erst in der Hochsaison zu prallem Leben erwacht.
Hier, inmitten der Weite der polnischen Masuren, leitet der umtriebige Gründer und Geschäftsführer Andrzej Skubala nicht nur ein Hotel. Im Jahr 2021 hat er gleich nebenan einen modernen Campingplatz mit 91 Stellplätzen und 26 sogenannten Glamping-Zelten installiert. Der Begriff Glamping steht für „glamorous camping“, die Luxus-Variante für Campingfans. Nach anstrengenden Tagen in Krakau und Warschau bietet dieses friedliche Stück Land in der Woiwodschaft Ermland-Masuren mit ihren zahlreichen Seen Erholung pur. Am Abend schaut lediglich das benachbarte Storchenpaar kurz vorbei, ob sich die Ernährungslage für den Nachwuchs aufbessern lässt.
Mit dem Wohnmobil durch Polen, das klingt für manche exotisch
Mit dem Wohnmobil durch Polen: Das klingt für manchen exotisch, nach Geheimtipp. Noch lastet so manches Vorurteil auf unserem Nachbarland, ,Aber: Das Nato- und EU-Mitglied Polen gilt als gefragtes und sicheres Reiseland. Und zu keinem Moment gibt es auf dieser dreiwöchigen Tour, die östlich das Land durchquert und Breslau sprichwörtlich links liegen lässt, einen Zweifel daran. Vielmehr beeindruckt das als europäischer Tiger-Staat gelobte Land durch eine moderne Infrastruktur, beachtliche Wachstumsraten, durch pünktliche Busse und Straßenbahnen (Menschen über 70 Jahre fahren in vielen Städten kostenlos) und gepflegte, mautfreie Autobahnen. Im letzten Jahr bereisten rund drei Millionen Deutsche im Rahmen mehrtägiger Touren das Land. Die großen Drei, Breslau, Krakau und Danzig, erfreuen sich stattlicher Besucherzahlen und begeistern mit ihren historischen Altstädten. Doch auch das vermeintlich flache Land, das sich mit dem Wohnmobil bestens erkunden lässt, besticht.
Als Literatur für unterwegs empfiehlt sich dazu neben dem üblichen Baedeker-Reiseführer Lektüre der anderen Art. „Bloodlands“ zum Beispiel, das Standardwerk des Historikers Timothy Snyder, zeichnet jenes grauenvolle Schicksal nach, das dieses Land vor und im Zweiten Weltkrieg als Spielball der Diktatoren Hitler und Stalin erdulden musste. 14 Millionen Menschen, vornehmlich Frauen, Kinder und Alte, ermordeten NS- und Sowjetregime in dieser Bloodlands genannten Region, die Zentralpolen bis Weißrussland, die Ukraine und die baltischen Staaten umfasst. Zur Reiselektüre der anderen Art zählt auch der Besteller von Jochen Buchsteiner „Wir Ostpreußen“, der das Schicksal seiner vertriebenen Vorfahren beleuchtet.
Eine Fahrt durch Polen – mit Baedeker, Buchsteiner und Bloodlands – ist also immer auch eine Reise in die Vergangenheit. Wer sich aus dem Süden nähert, wählt häufig als eines der ersten Ziele den Ort Oswiecim. Er steht für das Grauen des Holocaust. Denn die deutsche Übersetzung lautet Auschwitz. Und wer die Gedenkstätte mit ihren Lagern und der berüchtigten Rampe besichtigt, kann alle „Vogelschiss“-Theorien eines greisen Alternativlers für Deutschland schlichtweg nur als Hohn empfinden.
Dieses Wechselbad aus deutscher Schuld und prosperierender polnischer Gegenwart bleibt auch im nahen Krakau gegenwärtig. Zum Beispiel in Podgórze, dem Viertel „unter dem Berg“. Hier pferchten die Besatzer rund 15.000 Menschen in ein Ghetto, bevor sie später nach Auschwitz deportiert wurden. Tadeusz Pankiewcz war dabei. Der christliche Apotheker erlebte die bestialische Räumung des Viertels und schilderte sie in seinem Buch „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“. Inzwischen fungiert diese als Museum und ist Teil der Gedenkroute „Memory Trail“, die auch zu Oscar Schindlers Fabrik führt, die heute ebenfalls Museum ist. Rund 1000 Juden wurden hier gerettet. Kazimierz, das einstige Juden-Viertel, ist nun Szene-Treffpunkt mit hippen Bars.
Krakau, die ehemalige Hauptstadt des Landes, empfängt Besucher gerne auf dem Hauptmarkt, einem der größten mittelalterlichen Plätze Europas. Einst und heute ist der Rynek Zentrum der Stadt mit ihren über 100 Kirchen. Hier finden sich die einstigen Tuchhallen und hier geht es in das neue Museum im Untergrund, welches die von Archäologen in den Jahren 2005 bis 2010 entdeckten und freigelegten Ursprünge des Platzes beherbergt. Geschichte ist in Krakau sogar zu hören – auch wenn sie plötzlich abbricht. Denn das stündlich geblasene Trompetensignal vom Turm der Marienkirche stoppt abrupt – und erinnert so an den Tod jenes Turmwächters, der die Krakauer im Jahr 1241 vor den nahenden Mongolen warnte und mitten im Alarm von einem feindlichen Pfeil durchbohrt wurde.
Zamość in Polen gilt als das Padua des Ostens
Es sind nicht nur die weltbekannten Orte des Schreckens wie Auschwitz und Majdanek bei Lublin, die den Reisenden begleiten. Oder das wiederaufgebaute Warschau, die heute boomende Hauptstadt, die einst von den deutschen Besatzern zu 90 Prozent zerstört wurde. Wer im Osten die Stadt Zamość besichtigt, die gerne als Padua des Ostens bezeichnet wird, und staunend durch die Gassen der fürwahr italienisch anmutenden Renaissance-Stadt wandelt, die sich der Großkanzler Jan Zamoyski im Jahr 1578 von einem italienischen Architekten errichten ließ, stößt später auf andere Spuren. Zamość, Geburtsstadt von Rosa Luxemburg und von seinen Besatzern zeitweilig auch in „Himmlerstadt“ umbenannt, stand 1942 und 1943 im Zentrum einer „Germanisierungsaktion“, in der über 100.000 Polen vertrieben wurden. Das Mausoleum in einer Rotunde der Befestigungsanlage erinnert an rund 8.000 Menschen, die hier ermordet wurden.
Jede Polenreise ist eine Begegnung mit einem sehr jungen Land
Jede Polen-Reise ist aber auch eine Begegnung mit einem sehr jungen Land, das trotz den Jahren einer nicht gerade demokratiefreudigen Regierung durch die PiS-Partei nach Aufbruch drängt. Auch in Danzig, das sich in alten Mauern modern und weltoffen zeigt, ist diese Ambivalenz zwischen gestern, heute und morgen ständig spürbar. Und sogar in den Masuren, dem Land der tausend Seen, der Entspannung und Entschleunigung, kommt man an der Vergangenheit, sofern gewollt, nicht vorbei. Acht Kilometer östlich der kleinen Stadt Ketrzyn, dem einstigen Rastenburg, findet sich inmitten der Wälder die Wolfsschanze. Oder zumindest der Rest von Hitlers einstigem Hauptquartier und Ort des Attentatsversuchs von Graf Stauffenberg. Ein Rundgang durch das bei Kriegsende von deutschen Pionieren mit Tonnen von Sprengstoff demolierte Bunkerareal zeigt die Hybris unserer Vorfahren erschreckend eindrucksvoll.
Das wiederaufgebaute Danzig fasziniert mit seiner Altstadt
Polen von Süden bis zur Ostseeküste mit dem Wohnmobil zu erfahren, heißt ein Land zu besuchen, dessen Kontraste zwischen Stadt und Land auch in Wahlergebnissen deutlich werden. Das wiederaufgebaute Danzig fasziniert zum Abschluss mit seinem historischen Zentrum. Wie in allen Städten kommt man hier auch gastronomisch auf seine (nicht zu hohen) Kosten. Das auch FDP-fernem Klientel empfohlene Lokal namens „Kubicki“ soll einst von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, 1927 in Danzig geboren, sehr geschätzt worden sein.
Das Angebot an Campingplätzen reicht vom modernen Newcomer im einstigen Ostpreußen bis zum umgestalteten Gelände eines ehemaligen Tennisklubs nahe Zamość. Rund 300 offiziell registrierte Campingplätze soll es geben. Viele Privatunternehmer haben den Campingboom erkannt und investieren. Die Plätze vor den Toren der großen Städte sind an den öffentlichen Nahverkehr bestens angebunden, sollten aber in der Ferienzeit reserviert werden. Während vielerorts noch Camping- und Stellplätze zu suchen sind, herrscht an der Ostseeküste kein Mangel. Am Endpunkt dieser Reise, in Łeba, bekannt für seine riesige Wanderdüne, ist es gleich ein halbes Dutzend. Rimini-Rummel am Abend inbegriffen.
Weitere Informationen (auch in Deutsch) zum Thema Camping mit einer Platz-Übersicht beim Polnischen Campingverband unter www.pfcc.eu.
2026-03-28T11:48:55Z